Europa im Umbruch

Wiedergeburt und Revolution im Quattrocento

Anfang und Ende von Josquins Leben werden grob von zwei folgenreichen Ereignissen der europäischen Geschichte markiert: der Erfindung des Buchdrucks um 1450 und Luthers Offensive gegen die Korruption in der katholischen Kirche im Jahr 1517, die die protestantische Reformation einläutete. Das erste dieser Ereignisse begünstigte das zweite, indem es die Botschaft der religiösen Reformen verbreiten half – genauso wie die Entwicklung des Notendrucks die Kompositionen Josquins in ganz Europa verfügbar machte und seinen Einfluss auf die nachfolgenden Generationen sicherte. Martin Luther selbst lobte Josquin später als „der noten meister“ und nahm den Komponisten auch für eine reformierte Liturgie in Anspruch, indem er erklärte, Gott verkünde das Evangelium „auch in der Musik, wie man an Josquin sieht, dessen Kompositionen alle fröhlich, willig, milde herausfließen, nicht gekünstelt und durch Regeln erzwungen.“ Diese Würdigung belegt, dass Josquins geistliche Musik in den Köpfen und Herzen der Protestanten nach wie vor ihren Platz hatte. Allerdings blieb es dem 1521 gestorbenen Komponisten erspart zu erleben, wie das religiöse Schisma die christliche Welt im 16. Jahrhundert spaltete. Seine Karriere war im Wesentlichen ein Produkt des sogenannten Quattrocento, des 15. Jahrhunderts, in dem sich jene Wiedergeburt der Künste und Wissenschaften vollzog, die wir die europäische Renaissance nennen.

Josquin lebte und arbeitete in einer aufgewühlten Welt mit wechselnden Bündnissen und Gebietsstreitigkeiten, die im 16. Jahrhundert zu andauernden Konflikten führen sollten, gleichzeitig aber auch eine zunehmende Internationalisierung der Künste förderten.

Das ausgehende 15. Jahrhundert verlief nicht ohne ideologische Kontroversen, und angeblich sympathisierte Josquin in den 1490er Jahren mit Girolamo Savonarolas Kampagne zur Reform des religiösen und gesellschaftlichen Lebens in Florenz. Dass der radikale Dominikanermönch die Stadt für kurze Zeit beherrschte, bevor er verhaftet und hingerichtet wurde, war eine Folge der Unruhen, die durch die französische Invasion in Italien 1494/95 ausgelöst wurden, und Josquin, der in jenen Jahren wahrscheinlich am Hof der Sforza in Mailand und auch am Hof des französischen Königs Ludwig XII. tätig war, befand sich womöglich mitten in den militärischen Auseinandersetzungen der nachfolgenden Jahrzehnte.

Der Komponist lebte und arbeitete also in einer aufgewühlten Welt mit wechselnden Bündnissen und Gebietsstreitigkeiten, die im 16. Jahrhundert zu andauernden Konflikten führen sollten, gleichzeitig aber auch eine zunehmende Internationalisierung der Künste förderten, da Architekten, Maler und Musiker auf dem Kontinent herumreisten und neue Einflüsse in sich aufnahmen. Italien war zu Josquins Zeit das wichtigste Ziel dieser Künstler, und was der Komponist in Rom, Mailand und Ferrara aufschnappte, trug wesentlich zu seinem reifem Stil bei, der ihn zu Europas führendem Komponisten machte.

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Einzug der französischen Armee in Neapel 1495, Illustration aus dem Fasciculus temporum von 1498 (© The Morgan Library and Museum New York)

Musik war nur eine der Künste, die nach Ansicht der Zeitgenossen der Dunkelheit des Mittelalters entrissen wurden: Der Musiktheoretiker und Komponist Vincenzo Galilei, Vater von Galileo Galilei, behauptete, dass man sich erst zu Josquins Zeiten darum bemüht habe, die Musik „aus der Dunkelheit, in der sie verschüttet war“, zu befreien und sie neu zu entdecken. Solche Behauptungen waren zu einem guten Teil Propaganda, wie Josquins Anleihen beim mittelalterlichen Kontrapunkt und bei althergebrachten volkstümlichen Formen zeigen. Die Vorstellung, dass Europa seit dem Fall des Römischen Reiches tausend Jahre zuvor ein verschlafenes Nest ohne jede schöpferische und intellektuelle Vitalität gewesen sei, kam denjenigen entgegen, die sich als Avantgarde eines neuen Zeitalters sahen. Doch obwohl sie die mittelalterliche Kultur unterschätzten und übersahen, dass die Saat der kulturellen Wiedergeburt zum Teil schon in früheren Jahrhunderten gelegt worden war, konnte die Generation von Künstlern und Gelehrten, die im Quattrocento heranwuchs, zu Recht von sich behaupten, Teil einer neuen Epoche in der christlichen Welt zu sein.

Ende des 14. Jahrhunderts mündete das Bewusstsein für die historischen Wurzeln in dem Bestreben, die Kultur des klassischen Altertums wiederzubeleben, die man als Vorbild für gute Lebensführung und ästhetischen Fortschritt betrachtete.

Das Hauptaugenmerk des Renaissance-Humanismus lag auf der Wiedereinführung der klassischen, antiken Zivilisation: der Kunst, der Philosophie und der Regierungskunst des alten Griechenlands und des alten Roms. Viele Schriften antiker Autoren, insbesondere von Aristoteles, Vergil und Ovid, waren nie in Vergessenheit geraten, und römische Ruinen in unterschiedlichen Verfallsstadien waren überall in Europa zu finden. Rom selbst, inzwischen Sitz des Papstes, repräsentierte eine weitgehend ununterbrochene Verbindung zur alten Kaiserstadt. Ende des 14. Jahrhunderts mündete das Bewusstsein für die historischen Wurzeln in dem Bestreben, die Kultur des klassischen Altertums wiederzubeleben, die man als Vorbild für gute Lebensführung und ästhetischen Fortschritt betrachtete. Die Wiederentdeckung der Weisheit und der Errungenschaften der fernen Vergangenheit, von der man durch das „dunkle Mittelalter“ getrennt war, sollte zur Beseitigung von Missständen der Gegenwart beitragen, und daher wurden große Anstrengungen unternommen, um vergessene und unbekannte Texte ausfindig zu machen und die Werke bedeutender Autoren einem neuen Publikum zugänglich zu machen. Die Erfindung des Buchdrucks begünstigte dieses Unterfangen natürlich erheblich, und die Suche nach Manuskripten in Klosterbibliotheken und anderswo sorgte für großes Aufsehen. Bedeutende Entdeckungen ergänzten das Bild von früheren Zivilisationen durch eine Chronik ihres Aufstiegs, Nieder- und Untergangs, die den Studenten der Politik und der Staatskunst aufschlussreichen Lehrstoff bot, etwa Machiavelli, der bekannte, dass er sich bei der Lektüre klassischer Autoren ganz zu Hause fühle: Da „nähre ich mich […] mit der Speise, die allein die meinige ist, für die ich geboren ward.“ Mit dieser Überzeugung war er keineswegs allein.

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Römische Ruinen, gezeichnet von Marten Heemskerck in den 1530er Jahren (© Rijksmuseum Amsterdam)

Die Entdeckungen der Renaissance waren vielfältig und nicht alle von ihnen rein geistiger oder künstlerischer Art. Es war auch das Zeitalter der großen geografischen Erkundungsfahrten und der Expansion, etwa durch die Entdeckung eines Seewegs nach Indien im Jahr 1488 oder kurz darauf, im Jahr 1492, die Landung von Kolumbus auf dem amerikanischen Kontinent. 1522, nur ein Jahr nach Josquins Tod, kehrten die Überlebenden von Magellans bahnbrechender Weltumseglung nach Spanien zurück. Die mittelalterliche mappa mundi mit drei besiedelten Kontinenten, von denen zwei – Asien und Afrika – den Europäern weitgehend unbekannt waren, wurde durch eine genauere und detailliertere Geografie ersetzt, die ein zunehmend globales Handelsnetz und damit auch Möglichkeiten für wissenschaftliche Forschung und koloniale Ausbeutung abbildete. In vielerlei Hinsicht markiert diese Zeit den Anfang dessen, was wir heute Globalisierung nennen, und sie hat – im Guten wie im Schlechten – das geprägt, was wir bis in unsere Zeit als „moderne“ Welt bezeichnen.

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Weltkarte, 1545 (Wikimedia Commons)

Ältere Darstellungen der europäischen Renaissance haben oft den Bruch mit den mittelalterlichen Denkmustern sowie die Entwicklung einer säkularen Weltsicht betont und beriefen sich dabei auf das neu entdeckte Vertrauen in die menschliche Schaffenskraft sowie auf den wachsenden Individualismus. Vieles an dieser Lesart (die in engem Zusammenhang mit der 1860 erschienenen, wegweisenden Studie Die Kultur der Renaissance in Italien von Jacob Burckhardt steht) ist richtig. Ihre Protagonisten waren bemüht, die jüngste Vergangenheit zu überwinden und die Zivilisation neu zu erfinden, und legten im 15. Jahrhundert den Grundstein für Europas enormen Machtzuwachs in den folgenden Jahrhunderten. Zwar orientierten sie sich an Griechenland und Rom, doch führten ihre Errungenschaften in den Jahrzehnten nach Josquins Tod zunehmend zu der Überzeugung, dass die Moderne die Antike überholt habe und sich anschicke, die Herrschaft über die Welt zu übernehmen. Doch der Triumphalismus des Barockzeitalters unterschied sich deutlich vom Optimismus des 15. Jahrhunderts, der in verschiedenen Teilen Europas eine differenziertere Auseinandersetzung mit dem Mittelalter bedeutete.

Josquin war einer von zahlreichen Künstlern, die auf der Suche nach Mäzenen und neuen Anregungen von Nordeuropa nach Italien zogen. Inwieweit sich dies auf seine Kompositionstechnik auswirkte, ist Thema musikwissenschaftlicher Debatten, doch was die Maler, Bildhauer und Architekten angeht, steht fest, dass sie mit klassischen Modellen und ästhetischen Theorien in Berührung kamen, die im Norden eher unbekannt waren. Außerhalb Italiens herrschte in der Kirchenarchitektur die gotische Kathedrale vor, und die Malerei und die Bildhauerei in den Niederlanden und in Deutschland waren im 15. Jahrhundert weitgehend von dem Stil geprägt, der als internationale Gotik oder „weicher Stil“ bekannt ist. Dies hinderte die Künstler nicht an wichtigen Neuerungen, macht es aber schwerer, ihr Werk als völligen Bruch mit der Vergangenheit zu betrachten. Die Lebendigkeit und Detailgenauigkeit der mittelalterlichen gotischen Kunst widerlegt den lange vorherrschenden Mythos, die Renaissance habe die Gleichgültigkeit der Gotik gegenüber einer akkuraten Darstellung des Menschen durch den ersten ernsthaften Versuch seiner naturalistischen Repräsentation abgelöst.

Paradox an der italienischen Renaissance, besonders in ihrer Quattrocento-Phase, ist, dass diese für ihre Befreiung des künstlerischen Ausdrucks gefeierte Epoche sich auf so strenge Regeln stützte.

Wer die Figurenschnitzereien im Chorgestühl gotischer Kathedralen näher betrachtet hat, weiß, wie sorgfältig die Handwerker sie der Natur nachempfanden. Das Gleiche gilt für spätmittelalterliche Malereien, in denen die Perspektivenlehre der Renaissance keine Rolle spielt, die dafür aber Massenszenen voller lebensechter Personen zeigen. Wirklich neu in der Kunst der Frührenaissance ist das Interesse an den Räumen, die die einzelnen Figuren bevölkern. Die große Anerkennung, die den Malern des Quattrocento für ihre lebensechte Darstellung zuteilwurde, galt weniger ihrer Portraitkunst als vielmehr ihrer Fähigkeit, die Menschen in einem fiktiven dreidimensionalen Raum zu platzieren und ihren Körpern in einem realistischen Umfeld Gewicht und Volumen zu verleihen. Dies war zu einem großen Teil den neu entwickelten Techniken der perspektivischen Zeichnung und anderen streng mathematischen Methoden zu verdanken, mit deren Hilfe auch die offenen, hoch aufragenden Räume gotischer Kathedralen durch eine symmetrische, tempelartige Gestaltung ersetzt wurde, wie sie in vielen italienischen Kirchen anzutreffen ist.

Paradox an der italienischen Renaissance, besonders in ihrer Quattrocento-Phase, ist, dass diese für ihre Befreiung des künstlerischen Ausdrucks gefeierte Epoche sich auf so strenge Regeln stützte. Die Suche nach einer stimmigen Darstellung des physischen Raums auf einer ebenen Fläche und die Notwendigkeit (aus Sicht der Humanisten), in Gebäuden die Harmonie und den Sinn für eine Ordnung wiederherzustellen, die in den gewaltigen gotischen Kathedralen und mittelalterlichen Palästen verloren gegangen war, stellten Herausforderungen dar, die mit einem beachtlichen theoretischen Apparat angegangen wurden. Die Resultate dieser Herangehensweise konnten mitunter kühl und formelhaft wirken, doch das Bestreben der Frührenaissance, eine auf den klassischen Prinzipien und auf der Wissenschaft der Perspektive basierende systematische Ästhetik zu begründen, brachte einige der schönsten Kunstwerke und Gebäude hervor, die je geschaffen wurden. Während Architekten und Bildhauer sich dabei an klassischen Vorbildern orientieren konnten, standen den Malern und Komponisten solche nicht zur Verfügung. Um ihren Beitrag zu dieser neuen Epoche zu leisten, mussten sie die für ihre jeweilige Kunst spezifischen Techniken und Ausdrucksmittel selbst entwickeln. Und als Luther Josquins Unabhängigkeit von überholten Regeln bewunderte (die seiner Ansicht nach der überholten Glaubenslehre der katholischen Kirche entsprachen), erkannte er in Wirklichkeit an, dass die akribischen künstlerischen Experimente im Quattrocento kreative Energien freigesetzt hatten, die die Leistungen künftiger Generationen beflügeln sollten.


Übersetzung aus dem Englischen von Sylvia Zirden




Anthony Parr ist emeritierter Professor für Englisch an der University of the Western Cape in Südafrika und zurzeit Dozent an der Huntington Library in Kalifornien. Er ist Herausgeber und Autor zahlreicher Publikationen über das englische Theater und die Reiseliteratur der Renaissance und hat mehrere Beiträge für die New-Grove-Nachschlagewerken für Musik und Oper verfasst.

Essays & Videos

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Simon Marmion, Szenen aus dem Leben des Hl. Bertin (1459, Ausschnitt) © Staatliche Museen zu Berlin, Gemäldegalerie (Foto: Christoph Schmidt)

Werfen Sie einen Blick hinter die Kulissen und erleben Sie die Tallis Scholars bei den Proben zu ihren Konzerten in Berlin! Mit einer Auswahl von Essays zu verschiedenen Themen aus dem schier unerschöpflichen Kosmos der Renaissancemusik erweitern außerdem wir den Horizont – für Renaissance-Neulinge ebenso wie für Josquin-Experten.

Peter Phillips

Perspektiven der Renaissance

Worüber hätten sich Josquin des Prez und Architekt Filippo Brunelleschi wohl unterhalten, wenn sie sich je begegnet wären? Peter Phillips hat sich Gedanken gemacht zu einem hypothetischen Gespräch zwischen zwei der einflussreichsten Künstler der Renaissance und zu den faszinierende Parallelen und Widersprüchen zwischen Musik und den bildenden Künsten.

Probenbesuch bei den Tallis Scholars

Werfen Sie einen Blick hinter die Kulissen: Wir haben den Tallis Scholars und Peter Phillips bei einer Probe für die Konzerte in Berlin über die Schulter geschaut und dabei viel über Josquins Messen, die Sängerinnen und Sänger und die Geschichte des Ensembles gelernt.

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Wie kommt es, dass wir ein halbes Jahrtausend nach Josquins Tod seine Musik noch immer aufführen, aufnehmen und begeistert hören? Harry Haskell wirft einen Blick zurück auf die einzigartige Rezeptionsgeschichte des Komponisten und zeigt, was sein musikalisches Genie früheren Generationen bedeutete.

Ivan Moody

Sounding Out Josquin (Englisch)

Mit ihrer Einspielung von Josquins Missa Pange lingua begannen Peter Phillips und die Tallis Scholars 1987 eines der amibitioniertesten Aufnahmeprojekte der Musikgeschichte. Kurz nach dem Abschluss der Serie mit der Veröffentlichung der letzten drei Messen im Jahr 2020 hat der Komponist und Musikwissenschaftler Ivan Moody für das Gramophone-Magazin mit Phillips über die Anfänge des Projekts gesprochen – und darüber, wo ihre Reise sie hingeführt hat. Lesen Sie hier seinen Artikel in englischer Sprache.

Anthony Parr

Europa im Umbruch

Anfang und Ende von Josquins Leben werden grob von zwei folgenreichen Ereignissen der europäischen Geschichte markiert: der Erfindung des Buchdrucks um 1450 und Luthers Offensive gegen die Korruption in der katholischen Kirche im Jahr 1517. Seine Karriere war im Wesentlichen ein Produkt des sogenannten Quattrocento, des 15. Jahrhunderts, in dem sich jene Wiedergeburt der Künste und Wissenschaften vollzog, die wir die europäische Renaissance nennen. Anthony Parr beleuchtet ein faszinierendes und turbulentes Zeitalter der Innovation.

Peter Phillips

A Performer’s Guide to Josquin’s Masses (Englisch)

Wie wenige andere Musiker unserer Zeit hat sich Peter Phillips, Gründer und Leiter der Tallis Scholars, über Jahrzehnte hinweg mit den Messen Josquins auseinandergesetzt – als Interpret wie aus musikwissenschaftlicher Perspektive. 2018 hat er sein gesammeltes Wissen und seine Erfahrungen in einem ausführlichen Artikel für die Musical Times zusammengefasst. Lesen Sie hier detaillierte Analysen und Interpretationen zu allen 18 Messen – Josquin für Fortgeschrittene!

Michael Kube

Josquins Motetten und Chansons

Es waren nicht nur Josquins 18 Messvertonungen, sondern auch zahlreiche Motetten und Chansons, die seinen anhaltenden Nachruhm begründeten. Michael Kube stellt einige von Josquins faszinierendsten Beiträge zu diesen Gattung vor.