Missa L’homme armé sexti toni

Minimalistische Klangwelten à la Philip Glass

Mindestens 31 Mal diente die Chanson „L’homme armé“ während der Renaissance als Grundlage einer Messvertonung, u.a. für prominente Komponisten wie Dufay, Ockeghem, Busnoys (der, wie Pietro Aaron 1523 erwähnt, der Originalkomponist des Gesangsstücks gewesen sein soll), Regis, Tinctoris, Obrecht, Brumel, Mouton, Palestrina, Morales und viele weitere. Diese Tradition endete erst im 17 Jahrhundert mit Giacomo Carissimi, der sie mit einem zwölfstimmigen Werk krönte.

L'homme_armé_tune-1.png

Die L'homme armé-Melodie

Die älteste verlässliche Quelle der Melodie „L’homme armé“ ist ein Manuskript aus dem späten fünfzehnten Jahrhundert, das sich heute in Neapel befindet und sechs Messen unbekannter Verfasser nach dieser Melodie enthält. Das Lied selbst, das im Zusammenhang mit einem Kreuzzug gegen das Osmanische Reich entstanden sein könnte, ist auf Seite 5 zu finden. Der Text lässt sich in etwa so übersetzen:

„Fürchte den bewaffneten Mann. Man hört, dass jeder einen Haubregon [einen ärmellosen Brustharnisch] aus Eisen anlegen soll.“

Josquin nutzte die Melodie zweimal als Grundlage für eine Messe. Beim ersten Hören könnte man meinen, Sexti toni, die wie ein ausgereiftes Renaissancewerk wirkt, sei Welten entfernt von Josquins zweiter Vertonung, Super voces musicales, die man auch für eine mittelalterliche Komposition halten könnte. Doch das Manuskript lässt darauf schließen, dass beide wahrscheinlich der sogenannten „mittleren“ Schaffensperiode Josquins entstammen, die um 1500 endete, Sexti toni wohl aber etwas später entstanden ist.

Durchkomponierte Imitationstechnik, abwechslungsreiche Texturen, mühelose Kanons – Missa L’homme armé sexti toni wirkt wie eine freie Fantasie über die L’homme-armé-Melodie

Der Titel Sexti toni zeigt an, dass die Ausgangsmelodie hier in den „sechsten Modus“ transponiert ist, sodass F (statt dem üblicheren G) zum Schlusston wird und das Werk eine Durtonalität erhält. Sie gilt nicht zu Unrecht als die „modernere“ der beiden L’homme-armé-Messen. Während Josquin die berühmte Melodie in Super voces musicales unverändert und meist in derselben Stimme zitiert, finden wir sie in Sexti toni oft in nicht wiedererkennbare Fragmente zerlegt und auf alle vier Stimmen verteilt. Während in Super voces musicales die meiste Zeit ein dichter, vierstimmiger Satz dominiert, ist Sexti toni durchsetzt mit Duetten; Imitation und Sequenzen lassen die Textur leicht und zwanglos erscheinen. Während die Kanons in Super voces musicales mit ihrer Gelehrtheit und Raffinesse beeindrucken, wirken sie in Sexti toni locker und mühelos, besonders im großartigen Agnus Dei III. Überspitzt gesagt, wirkt Sexti toni wie eine Fantasie über das L’homme-armé-Thema, Super voces musicales wie eine durchexerzierte Kompositionsübung.

Josquin_Sexti toni_Alamire_1520_A-Wn Cod 11778_CLEAR.jpg

Sexti toni in einer Handschrift aus den 1520er Jahren (© Österreichische Nationalbibliothek)

Schon einige von Josquins Vorgängern hatten versucht, die L’homme-armé-Melodie in ihren Messen etwas „versteckt“ einzuarbeiten: Dufay hatte sie im Krebs, d.h. rückwärts zitiert, Busnoys in Umkehrung (d.h. alle Intervallschritte an einer horizontalen Achse gespiegelt), Ockeghem und die anonymen Messen des Manuskripts in Neapel schließlich in Krebsumkehrung. Doch offenbar hat Josquin als erster bemerkt, dass sich die Melodie gleichzeitig in ihrer Originalgestalt und im Krebs zitieren lässt – wenn man mit den Notenwerten, Pausen und hinzugefügten Vorzeichen etwas flexibel umgeht. Genau das tun die beiden tiefsten Stimmen im dritten Agnus Dei: In der ersten Hälfte des Stücks singt der Tenor die gesamte Strophe in langen Notenwerten, während der Bass mehr oder weniger gleichzeitig den gesamten Refrain in langen Noten rückwärts singt. Genau in der Mitte des Satzes tauschen die beiden Stimmen: Jetzt hat der Tenor die Strophe im Krebs, der Bass den Refrain im Original. Das musikalische Material der ersten Hälfte wird so in der zweiten Hälfte exakt wiederholt, nur eben anders herum – d.h. der erste Takt gleicht dem letzten, der zweite dem vorletzten und so weiter. Hier zeigt sich Josquins außergewöhnliche kompositorische Virtuosität, doch die Klangwelt dieses letzten Agnus Dei wirkt absolut neuartig und erinnert, wenn überhaupt, an moderne Minimalisten wie Philip Glass.

© Peter Phillips / Gimell Records, deutsche Übersetzung von Anne Steeb und Bernd Müller





Die Messen

Die Messen

Jan van Eyck, Genter Altar (1432, Ausschnitt) © artinflanders.be (Foto: Hugo Maertens, Dominique Provost)

Achtzehn Mal hat Josquin den Text des lateinischen Messordinariums in Musik gesetzt und dabei für jede seiner Vertonungen eine ganz eigene kompositorische Methode und Klangwelt geschaffen. Lernen Sie die musikalische Vielfalt der Messen mit den preisgekrönten Aufnahmen der Tallis Scholars und Essays ihres Gründers und künstlerischen Leiters Peter Phillips kennen.

Missa Une mousse de Biscaye

Die spätmittelalterlichen Wurzeln von Josquins Musiksprache sind in der Missa Une Mousse de Biscaye, einer seiner ersten Messvertonungen überhaupt, vielleicht am deutlichsten zu hören.

Missa L’ami Baudichon

Schon zu Beginn seiner Laufbahn experimentierte Josquin in der frühen Missa L’ami Baudichon mit den Möglichkeiten der Form.

Missa Ad fugam

Komplexe Kanons waren für alle Komponisten des 15. Jahrhunderts eine wichtige Bewährungsprobe. Josquin schrieb zwei Messen, die vollständig auf Kanons basieren – Ad fugam, die frühere der beiden, ist womöglich sein mathematisch strengstes Werk.

Missa Di dadi

Kann man eine Renaissance-Messe durch Auswürfeln komponieren? Die Missa Di dadi zeigt Josquins Leidenschaft für mathematische Spielereien – und für das Glücksspiel.

Missa D’ung aultre amer

Josquins kürzeste Messvertonung basiert auf einer Chanson seines Lehrers Johannes Ockeghem und enthält eine bewegende musikalische Verneigung vor dem älteren Komponisten.

Missa Gaudeamus

Die Missa Gaudeamus verkörpert die Kunstfertigkeit der Renaissance in ihrer intensivsten Form. Ausgehend von einer umfangreichen Choralmelodie kommen hier ausgeklügelte und tatsächlich hörbare mathematische Kompositionsverfahren zum Einsatz.

Missa La sol fa re mi

Der Name ist Programm: Missa La sol fa re mi basiert auf den fünf Noten, die diesen Solmisationssilben im mittelalterlichen Tonsystem entsprechen. Mit einem derart kurzen und vielseitigen Motiv eröffnete sich Josquin ungeahnte Möglichkeiten der musikalischen Bezüge und Verweise.

Missa Hercules Dux Ferrariae

Für seinen damaligen Arbeitgeber Herzog Ercole I. von Ferrara verwandelte Josquin kurzerhand dessen Namen in ein musikalisches Motiv und komponierte auf dieser Grundlage eine ganze Messe.

Missa Faysant regretz

Aus einem einfachen Viertonmotiv konstruiert Josquin in der Missa Faysant regretz seine vielleicht dichteste und mitreißendste Polyphonie, eine Welt von vielgestaltigen, umherwirbelnden Anspielungen und Verweisen.

Missa Ave maris stella

Kompakt, geschmeidig, prägnant – die Missa Ave maris stella ist das Werk eines sehr selbstbewussten Komponisten, der nicht nur sein Handwerkszeug souverän beherrscht, sondern seiner ganzen Zunft den Weg in die Zukunft weist.

Missa Fortuna desperata

Das Rad der Fortuna dreht sich in Josquins Missa Fortuna desperata – einer der ersten Messen überhaupt, die nicht mehr auf einer einfachen Melodie, sondern auf einer mehrstimmigen Vorlage basieren.

Missa L’homme armé super voces musicales

In der Missa L’homme armé super voces musicales finden sich einige von Josquins mathematisch komplexesten Kompositions-Kniffen – eine Demonstration seiner kombinatorischen Fähigkeiten und ein echtes Wunderwerk für seine Zeitgenossen.

Missa L’homme armé sexti toni

Josquins zweite Messvertonung auf Grundlage der populären L’homme-armé-Melodie wirkt wie eine freie Fantasie über das Lied vom „bewaffneten Mann“ – die große Bandbreite an Texturen und scheinbar mühelos gesetzte Kanons erinnern an minimalistische Klangwelten à la Philip Glass.

Missa Malheur me bat

Viele von Josquins Messvertonungen finden ihren Höhepunkt im letzten Satz, nicht unähnlich einer romantischen Symphonie: Das Agnus Dei der Missa Malheur me bat ist ein beeindruckendes Beispiel dafür.

Missa Sine nomine

Die „namenlose“ Missa Sine nomine ist Josquins zweite rein kanonische Messe und zeigt seine ganze Erfahrung mit mathematischen Kompositionstechniken.

Missa De beata virgine

Zu Josquins Lebzeiten wurde diese Messe von allen seinen Werken wahrscheinlich am häufigsten aufgeführt – und sie faszinierte die Musiktheoretiker noch bis ins 18. Jahrhundert.

Missa Mater Patris

Missa Mater Patris steht für die kühne Schlichtheit des späten Josquin: Kein dichtes polyphones Geflecht mehr, sondern lichte, offene Strukturen, viel Witz und Verspieltheit.

Missa Pange lingua

Wahrscheinlich ist sie Josquins letzte Messe – ganz sicher aber eine seiner besten: Die Gleichberechtigung aller vier Stimmen in der Missa Pange lingua hat den weiteren Verlauf der europäischen Musikgeschichte entscheidend geprägt.